Widerspruch auf Bestellung: Taugt ein KI-Avatar als Advocatus Diaboli?
Kurz gesagt
Wir halten eine Podiumsdiskussion ohne Gegenstimme für verschenkt, denn erst ein Einwand zwingt die Gäste, Gründe zu nennen. Das gilt auch für gespielten Widerspruch. Sind auf dem Podium alle gleicher Ansicht, kann ein KI-Avatar mit einer Position aus dem Briefing den Advocatus Diaboli geben. Einen echten Gegner ersetzt er nicht, denn laut einer Studie von 2001 wirkt gespielter Widerspruch schwächer.
Stand 2. Oktober 2026
01Seitenhieb
Ein Seitenhieb ist kein Argument
Ein Podium, auf dem alle zustimmen, verlangt nie ein Argument. Niemand muss dort eine Position verteidigen. Das Publikum geht nach Hause, ohne einen einzigen Grund gehört zu haben, den es selbst prüfen könnte.
Mitten in einer Testdiskussion sagte eine Testperson über den KI-Avatar, er verstehe einfach nichts und sei zu doof. Der Avatar sprach die Person mit ihrem Vornamen an und sagte «das war jetzt ein Seitenhieb statt eines Arguments». Dann blieb er bei seiner Haltung und stichelte nicht zurück. Er verlangte ein Argument statt einer Abwertung.
02Forschung
Gespielter Widerspruch verliert gegen echten
Die Psychologin Charlan Nemeth und zwei Kollegen gingen 2001 von einem bekannten Zusammenhang aus. Wo alle gleich denken, übernimmt eine Gruppe eine bevorzugte Lösung zu früh und entscheidet schlechter. Als Gegenmittel gilt oft der Advocatus Diaboli, jemand, der die Gegenposition nur spielt.
Den Advocatus Diaboli prüfte die Studie in drei Varianten, je nachdem, ob die Gruppe seine wahre Ansicht kannte und ob sie zu seiner Rolle passte. Dagegen trat echter Widerspruch aus einer Minderheit an. Er schlug alle drei Varianten, gemessen an Zahl und Güte der Lösungen.
Warum, hatte schon eine frühere Studie angedeutet, auf die sich die Autoren stützen. Der Advocatus Diaboli brachte die Gruppe eher dazu, ihre erste Ansicht zu untermauern, als in neue Richtungen zu denken. Echtheit, schreiben die Autoren, lässt sich durch Rollenspiel schwer nachbilden.
03Unsere Lesart
Auch gespielter Widerspruch zwingt zu Gründen
Ein KI-Avatar vertritt die Position, die im Briefing steht. Damit ist er näher am Advocatus Diaboli als an echter Überzeugung, also an der schwächeren Form.
Nützlich finden wir ihn aus einem anderen Grund. Die Gruppen in der Studie sollten Lösungen finden, und gemessen wurden die Lösungen. Ein Podium hat eine andere Aufgabe. Niemand muss dort etwas lösen, der Saal will hören, warum jemand denkt, was er denkt. Auch wer bloss seine erste Meinung untermauert, muss dafür Gründe nennen, und diese Gründe hört das Publikum.
Das klappt nur, solange der Einwand etwas Neues bringt. Ein Argument, das zum dritten Mal kommt, verlangt keine Gründe mehr, es ermüdet. Auch bei uns kam das vor. Bei einer Probe kehrte der KI-Avatar dreimal zur selben Formel zurück, Zahlung statt Haftung. Aufgefallen war das einer KI-Stimme, die als Gast mitdiskutierte und danach ihre Befunde auflistete. Rufen Sie ihn lieber mit einer neuen Frage auf als ein drittes Mal zum selben Punkt.
Wie ein Einwand klingt, hängt vom Charakter ab. Albert hält eine eigene Position dagegen, Vera fragt nach Belegen.
04Gast oder Avatar
Gebriefter Gast oder KI-Avatar?
Auch ein Gast, den Sie als Gegenstimme einladen und briefen, spielt eine Rolle. Nur bleibt die Rolle an ihm hängen. Man verbindet ihn danach mit einer Ansicht, die vielleicht gar nicht seine ist.
Ein KI-Avatar hat keinen Ruf und keine Stelle zu verlieren, auch nicht an einer internen Townhall. Das Risiko eines missratenen Satzes trägt dann der Veranstalter. Deshalb bestimmt er im Briefing selbst, welche Position der KI-Avatar vertritt. Und ein Advocatus Diaboli, der nie nachgibt, wäre bloss stur. Der KI-Avatar soll zugeben, wenn ein Gast recht hat.
Kennen Sie jemanden, der wirklich anderer Meinung ist, laden Sie diese Person ein. Echter Widerspruch schlägt gespielten, auch unseren.
05Offen
Ob eine KI-Stimme schwächer widerspricht als ein Mensch, wissen wir noch nicht
Die Studie von 2001 kannte keine KI-Avatare. Ob ihr Befund für einen KI-Avatar genauso gilt, oder ob er schwächer oder stärker wirkt als ein Mensch in derselben Rolle, wissen wir nicht. Ebenso offen ist, ob sich ein Publikum an eine Diskussion mit ihm besser erinnert.
Den Kern der These können Sie an Ihrem nächsten Podium selbst prüfen, ganz ohne KI-Avatar. Fragen Sie danach im Foyer ein paar Leute, welchen Grund von der Bühne sie behalten haben. Achten Sie darauf, ob er aus einer Stelle stammt, an der zwei Gäste uneins waren. Fällt niemandem ein Grund ein, wissen Sie, was dem nächsten Podium fehlt.